An:Gedacht – ein Impuls zum Web 2.0

An diesem Mittwoch war ich mit meinem Vortrag “Sicher im Netz unterwegs” zu Gast in der Ev. Studentengemeinde in Stuttgart. Vor meiner Einheit hielt der dortige Pfarrer Dr. Tilman Schröder eine Andacht zum Thema. Ich finde sie wirklich gut und deshalb wollte ich sie euch nicht vorenthalten. Ein Dank an Herrn Schröder für die Möglichkeit sie zu veröffentlichen. Vielleicht könnt ihr ja mal eine Andacht für genau so einen Themenabend gebrauchen…

Evangelische Studentengemeinde Stuttgart:

Andacht am 23. Mai 2012 zum Gemeindeabend „Sicher im Netz!“, gehalten von Hochschulpfarrer Dr. Tilman Schröder

Mit Blick auf den heutigen Abend zum Thema „Sicher im Netz“ habe ich für unsere Andacht einen dazu querliegenden Text in Mt. 13, 47f. gefunden. In diesem 13. Kapitel des Matthäusevangeliums erklärt Jesus das Reich Gottes mit Hilfe von Gleichnissen. So nun auch hier: „Abermals ist das Himmelreich gleich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und allerlei Tiergattungen fing. Als es aber voll war, zogen sie es heraus an das Ufer, saßen und lasen die Guten in Gefäße zusammen, aber die unnützen warfen sie weg.“

Viele Nutzer des World-wide-web würden das Gleichnis wahrscheinlich zunächst einmal umkehren: Unsere Netzwerke sind für uns wie ein Himmelreich, wo man tun und lassen kann, was man will, wo man neue Freunde trifft und sich eine virtuelle Wirklichkeit erschaffen kann, die jede irdisch-reale Wirklichkeit weit übertrifft. Bei alleine in Facebook miteinander verbundenen 840 Millionen Menschen sind das ja auch wirklich himmlische Zustände.

In Jesu Gleichnis vom Netz bewirkt freilich gerade die Struktur des Netzes Probleme. Alle möglichen Gattungen fangen sich ja im Netz. Diese Vielfalt scheint zunächst begrüßenswert, bietet sie doch etwas für jede Geschmacksrichtung und für jede Vorliebe. Aber an der jeweiligen Qualität scheiden sich dann doch die Geister. Es muß sortiert werden, ja, sogar weggeworfen, wie es im Text heißt.

Interessanterweise unterscheidet das Gleichnis dabei nicht moralisch zwischen Gut und Böse. Es ist deshalb interessant, weil sich gerade diese moralische Einordnung im Internet ja durchaus findet. „Don’t be evil“ – Tu nichts Böses – ist der simple Slogan des Internetkonzerns Google, wobei nun angesichts der wachsenden Macht dieser Konzerne umgekehrt viele Menschen sich fragen: „Will aber vielleicht Google etwas Böses?“ Und das sogenannte „Freundesnetzwerk“ Facebook mit seinen ganzen Serverfarmen von Nutzern, steckt da dahinter nicht vielleicht Finsteres in Form einer für den User unkontrollierbaren kommerziellen Auswertung seines Profils? Die Kriterien „Gut“ und „Böse“ tauchen recht oft auf, wenn sich Befürworter und Kritiker der Netzwerke in die Wolle bekommen.

Unser Gleichnis aber unterscheidet bemerkenswert unaufgeregt zwischen „Gut“ und „Unnütz“. Der hier verwendete griechische Begriff „sapros“ meint das im Sinne von „unbrauchbar“, „untauglich“ oder auch „häßlich“. Jesus hatte mit seinem Wort vom Netz nun sicherlich nicht unser modernes Netz im Blick, aber seine Kriterien, die Angebote im Netz zu unterscheiden, sind bedenkenswert. Dies gerade auf dem Hintergrund, dass aktuell dem Wunsch nach einem absolut freizügigen und unkontrollierten Netz die Forderung nach ordnenden Regeln gegenübersteht, um kriminelle oder menschenverachtende Tendenzen unterbinden zu können. Auf die Ebene des Normalverbrauchers heruntergebrochen, geht es freilich eher um die Frage, was wir selber mit unseren Netzaktivitäten erreichen wollen. Suchen wir Zeitvertreib und lassen wir es dabei zu. dass wir manipuliert und einem Mainstream einverleibt werden? Wollen wir ganz bewußt unser Gesicht einer Öffentlichkeit zeigen oder geben wir leichtfertig unsere sonst so gehütete Privatsphäre preis? Müllen wir die Welt des Netzes mit ziemlich belangloser, aber dafür massenhafter Wortproduktion voll oder suchen wir nach einem gehaltvollen Dialog zu einem uns wichtigen Thema?

Was von diesen Dingen und von vielen anderen möglichen Netzaktivitäten sonst brauchen wir wirklich, so befragt uns unser Gleichnis. Was davon ist dagegen völlig unnötig und im Grunde für uns unbrauchbar. Ein Netz an sich ist weder gut noch böse. Jesus kann es sogar als Metapher für das Reich Gottes gebrauchen. Aber der Inhalt des Netzes will geprüft sein und das kann mir keiner abnehmen. Gutes ist drin, Gutes unter Umständen für andere, aber unbrauchbar und untauglich für mich. Die Grenzen muß jeder von uns für sich selber ziehen gemäß seiner eigenen Werte. Die uns in der Bibel und in unserer christlichen Tradition vorgelebten Werte von Mitmenschlichkeit aber auch der Sorge für die eigene Unversehrtheit, sind dabei ganz gute Wegweiser. Amen

Herr, unser Gott,
Du hast uns Kreativität und Erfindungsgeist gegeben,
und die Neugierde auf Neues.
Dafür danken wir Dir.
Lass uns dabei auch erkennen, was von allen neuen Ideen hilfreich ist für uns und deine Schöpfung und was nicht.
Lass uns Grenzen respektieren, da wo die Freiheit anderer betroffen ist,
Lass uns widersprechen, da wo scheinbarer Fortschritt uns und die Natur in eine Sackgasse führt,
Lass uns unterstützend da eintreten, wo neue Ideen verkrustetes und vorurteilsbehaftetes Denken aufbrechen können.
In allem, was uns dabei gelingt oder auch mißlingt, bewahrst Du Deine Treue zu uns. Wir danken Dir dafür.
Amen

Hier gibt es die Andacht als PDF zum Download…