27.03.2011
Wie finden wir den richtigen Weg?
Kurze Reflexion am Sonntag, den 27.3.2011
Ich muss noch ein Bild von den orangenen Bändern machen, die von den Mitarbeitern der TDA an Kreuzungen oder anderen etwas schwierigen Stellen aufgehängt werden. Sie weisen uns den richtigen Weg.
Das ist für mich auch zum Symbol geworden. Wie finden wir den richtigen Weg? Hier sind es nur wenige Stellen. So viele Kreuzungen gibt es gar nicht. So lange es nur den ganzen Tag auf einer Strasse geht, ist es nicht schwierig den richtigen Weg zu finden. Ist das auch ein Symbol für Europa (viele Strasse, viele Wege, viele Möglichkeiten?) und Afrika??? Mit wenig Strassen ???
Die letzten Tage durch den Dschungel und das Game Reserve haben mir auch ein anderes Bild gezeigt. Die „Strasse“ führt durch den Dschungel. Links und rechts eine Grüne Mauer. Manchmal hört man dass hinter der „grünen Mauer“ etwas ist. Pfade führen hinein, plötzlich taucht jemand auf. Hühner gackern und Hähne krähen. Was aber wirklich dahinter ist, das ist nicht zu sehen. Die Konzentration auf die „Straße“ ist aber auch wirklich notwendig. Termiten unterhöhlen die Strasse und dann bricht sich ein. Dadurch entstehen große Löcher. Dann wieder nasse Stellen usw. Wer nicht aufpasst, den erwischt es. Es sind immer wieder Stürze zu vermelden. Die sind bisher glimpflich verlaufen. Aber es passiert.
Gestern machte mir neben dem langen Tag auch noch folgender Umstand sehr zu schaffen. Die Straße war erbärmlich. So etwas gibt es in Europa gar nicht mehr. Ich war noch gefangen in der Vorstellung, dass mich „Mbeya nicht mag und nicht will“. Das kommt vom Unfall, weil ich da Mbeya nicht erreicht habe. Ich war manchmal der Überzeugung, dass ich Mbeya nicht erreichen werde. Es soll nicht sein. Die Hürden und Schwierigkeiten sind einfach zu gross für mich. Meine Gedanken schwächten meine Kraft. Dadurch wurde das „durchgerüttelt“ werden noch schlimmer, als es ohnehin schon war.
Das war gestern der absolute Höhepunkt. Das war kein Genuss mehr. Da quälst du dich den Berg hoch (ca. 2.700 mtr.) und freust die auf die Abfahrt nach Mbeya und dann kommt ein der schrecklichsten „Strassen“ die ich bisher erlebt habe. Aber das ging allen so.
Auf der anderen Seite war die Sicht vom World’s End View Point schon überwältigend. Das war richtig grandios und schön. Endlose Weite ca. 800 Meter unter mir, fast auf Höhe der Wolken, Alles grün und saftig, sonnig und ein angenehm kühler Wind. Da wäre ich gerne noch etwas geblieben. Aber der Weg war noch lang. Auch oben auf dem Pass ging es nicht gleich wieder nach unten (wie ich vermutete so wie in den Alpen) sondern immer wieder auf und ab. Es war ein schwerer Tag. Manche sind erst um 17.30 Uhr völlig fertig hier im Hotel im Camp angekommen. Mit etwas Stolz kann ich sagen, dass ich als letzter des ersten Drittels angekommen bin. Da muss ich einfach auch das Alter berücksichtigen. Fast alle „Jungen“ waren vorher am Ziel. Das ist auch so in Ordnung.
Gestern Abend konnte ich dann den Hunger richtig fühlen. Ich habe ein Pfeffersteak mit Chips (Pommes) und als Nachtisch ein Eis bestellt. Für 10.500 Tansanische Schilling (ungefähr 8,50 €). Wenn schon kein Zimmer, dann gut essen.
Heute Nacht hat es auch geregnet. Da beunruhigt mich aber nicht. Auch die Wetteraussichten der nächsten Tage (Gewitter, Regen) bringen mich nicht aus der Fassung. Irgendwie wird das schon werden. Jetzt hat es hier angenehme 22 Grad. Mit den „Toiletten“ im Dschungel, das war auch so eine etwas gewöhnungsbedürftige Situation. 2 Zelte, 2 Löcher im Boden, das wars. Und das für 85 Leute. Aber was solls, es ist hier wirklich schön. Größtenteils wirklich nette Leute. Manchmal bin ich zwar noch der Außenseiter. Aber ich komme schon ganz gut zurecht. Es braucht gewisse gemeinsame Erlebnisse, dann geht das – so wie gestern. Ich bin hier nicht der Älteste, Bob und noch 2 andere sind Mitte sechzig. Manche Jüngere benehmen sich nicht sehr vorteilhaft. Nur ich, nur meine Bedürfnisse. Wo habe ich einen Vorteil, wer nützt mir. So will ich das nicht.
Nun habe ich also die erste 1.200 km hinter mir. Ebenso knapp über 10.000 Höhenmeter. Ich bin in Mbeya angekommen. Das ist für mich psychologisch sehr wichtig. Ich bin gespannt, ob sich das auf meine Psyche auswirken wird, dass ich die Unfallstelle hinter mir gelassen habe.
Noch ein kurzes Wort zu Toyota. Wenn ich jetzt eines weiß, dann das, dass ich nie in meinem Leben einen Toyota fahren werde. Es gibt hier praktisch nur Toyotas und die tansanischen Fahrer sind sehr gewöhnungsbedürftig. Die fahren hier wie die Henker. Gestern hatte ich eine seltame Begegnung: ich fahre keuchend auf meiner linken Seite den Berg hoch. Ein Toyota kommt den Berg herab – auch auf der linken Seite. Er hält und sagt mir, dass ich gefälligt als Radfahrer aus dem Weg zu gehen hätte,wenn er mit dem Auto kommt. Radfahrer haben hier also wirklich keine gute Lobby. Ok, das ist hier auch nicht ungewöhnlich. In den letzten Tagen hatten wir ca. 1-2 Autos und 1 Bus. Das ist auch gut so. Mehr vertragen die Strassen hier auch nicht. Aber jedes Auto oder Bus der kommt, bereitet mir noch etwas Schrecken. Ich bin froh, wenn die vorbei sind. Das sind unter anderem auch meine Herausforderungen.
Manchmal spüre ich meinen rechten Arm. Aber erstaunlicherweise geht es trotzdem gut. Das Gerüttel und Gehoppel bekommt dem Arm nicht wirklich gut. Aber es läßt sich gut aushalten und ich bin froh, dass es nur manchmal bemerkbar ist. Eigentlich ist es wirklich gut, erstaunlich gut. Auch nachts und so.
Was schwieriger war, ist die Sonne und der Sonnenbrand. Ich denke, dass ich das jetzt so einigermaßen im Griff habe, aber manchmal macht sich das bemerkbar und an manchen Stellen schält sich die Haut.
Hier läuft im Fernsehen in der Hotellobby das Formel 1 Rennen. Gerade eben ertönt die deutsche Nationalhymne weil Sebastian Vettel gewonnen hat.
Das ist wiederum kurios, weil in Lybien und Japan soviel anderes los ist. Wir bekommen hier nicht wirklich etwas von der Welt mit. Nur sehr andeutungsweise.
Nun werde ich mich also aufmachen und wieder das Internet besuchen. Dann etwas essen und dann mein Fahrrad richten.
Ich habe mir heute auch “Laundry” gegönnt, d.h. ich habe meine Wäsche abgegeben und lasse sie waschen. Den Gerüchten nach soll gestern die Waschmaschine den Geist aufgegeben haben. Aber irgendwie wird die Wäsche irgendwann trocken und nutzbar. Es sind die kleinen Dinge, die einen hier beschäftigen und daneben die großen. Das liegt so unmittelbar beieinander.
Morgen soll es zuerst 400 Höhenmetermeter aufwärts gehen und dann eine lange Abfahrt zum Malawisee. Aber das glaube ich erst, wenn es wirklich so weit ist.
An alle ganz liebe Grüße. Die Kommentare nehme ich gerne zur Kenntnis, werde aber nicht auf alle eingehen.
Werner Bitzer am 27.03.2011 per E-Mail aus Mbeya (Tansania).
Redaktion: Eberhard Fuhr
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